Grenzen sicher ausloten
Bremsen, schleudern, rutschen: Seit 1985 wird bei der ÖAMTC Fahrtechnik spektakulär trainiert. Wie die Erfolgsstory begann und was heute beim Training passiert.
Das geht sich nicht aus", krächzt die Stimme von Fahrtechnik-Instruktor Victor Sima aus dem Walkie-Talkie neben mir und schon rutsche ich aus der Kurve in die Gegenfahrbahn.
Am eigenen Leib, im eigenen Auto erleben die Teilnehmenden des Pkw Intensiv Trainings, welchen Unterschied 5 km/h machen: Sicherheit oder Unfall.
In einem sicheren Umfeld kritische Fahrsituationen trainieren können, ist ein wesentlicher Teil der Erfolgsgeschichte der ÖAMTC Fahrtechnik, wie die Zahlen zeigen. Seit 2003, der Einführung des Mehrphasen-Trainings für Fahranfänger, gingen die Unfälle bei 17- bis 25-Jährigen um 57,6 % zurück, jene mit tödlichem Ausgang sogar um 81 %.
"Die Fahrzeuge werden immer sicherer. Aber auch der Technik sind physikalische Grenzen gesetzt, die man kennen, praktisch erfahren und trainieren muss", betont ÖAMTC Fahrtechnik-Geschäftsführer Karl-Martin Studener.
Genau dieses "praktisch erfahren" und Fahrsicherheit zu üben, ist ein wesentlicher Aspekt im Pkw-Training, der ebenso an technische Neuerungen angepasst wird. Ein Beispiel ist das Benutzen den Handys während der Fahrt. Im Straßenverkehr streng verboten, erfahren junge sowie erfahrene Autofahrer:innen, was es tatsächlich bedeutet derartig abgelenkt zu sein: Zwei Sekunden Textnachrichten schreiben bei 50 km/h bedeutet: rund 30 Meter blind zu fahren. Keine gute Idee.
Nix passiert, weitermachen
Diese physikalische Grenzen werden auch beim Pkw Intensiv Training am Fahrtechnikgelände in Teesdorf ausgereizt. Die Aufgabe: Bremsen und vor der Wassersäule stehen bleiben – oder ausweichen. Victor wiederholt: "Traut euch, steigt in die Bremse!" Das ABS greift, das Auto ruckelt, aber die Physik kann nicht ausgetrickst werden. Platsch, mein Auto rutscht ins Wasserhindernis und erhält eine ungewollte Unterbodenwäsche. Nächster Versuch.
Das Pkw Intensiv Training
Was im Straßenverkehr nicht möglich ist, können Fahrende aller Altersklassen bei verschiedenen Trainings üben. Im Rahmen der aufbauenden Pkw Intensiv und Dynamik Trainings, empfohlen für erprobte Fahrer:innen, werden verschiedene Themen aufgegriffen. Etwa gefährliche Situationen erkennen, richtiges Reagieren in Notsituationen oder die Funktionen der Assistenzsysteme verstehen, die in modernen Autos verpflichtend eingebaut sind.
Das vielfältige Trainingsangebot kann in acht verschiedenen ÖAMTC Fahrtechnikzentren im ganzen Land genutzt werden. Doch wie kam es eigentlich dazu?
Rindertalg bis Schleuderplatte
Die Geschichte der ÖAMTC Fahrtechnik begann vor 38 Jahren und war zunächst "noch sehr abenteuerlich", wie Urgestein und Instruktor Harald Minarik erzählt. Die treibenden Kräfte der Fahrtechnik-Gründung waren ÖAMTC-Mastermind Kurt Nordberg und der Motorsportler Franz Wurz, die vom Fahrertraining im Motorsport inspiriert waren. Zu Beginn wurden bestehende Flächen wie das alte Flugfeld in Aspern in Wien genutzt, die Theorie wurde im nahe gelegenen Hotel gelehrt.
Damit die Autos ins Schleudern gerieten, brachten die Instruktoren wöchentlich Rindertalg auf der Fahrbahn auf. "Das war im Sommer schnell eine ranzige Angelegenheit", lacht Minarik.
Seit damals hat sich viel getan. 1987 entstand in Teesdorf das bis heute größte Fahrtechnikzentrum Mitteleuropas. Bereits mit verschieden griffigen Straßenbelägen und einer Hydraulikplatte. 1989 folgte das Zentrum in Saalfelden/Brandlhof, das heute für seine Eisarena sowie für den Offroad Park und spannende Events bekannt ist. Zwischen 2001 und 2004 entstanden sechs weitere Fahrtechnikzentren, um vor allem das Mehrphasen-Training flächendeckend anbieten zu können. Bis 2024 absolvierten 800.000 Personen die Mehrphasenausbildung. Schönes Detail: Diese Zahl wurde dort erreicht, wo alles begann, in Teesdorf.
Einmal schleudern bitte
Genau dort stehe auch ich und bin gespannt auf meine erste Erfahrung auf der Schleuderplatte. Diese war vor 38 Jahren noch eine runde Scheibe, die sich schnell drehte. Die Autos fuhren mit den Hinterrädern drauf und wurden weggeschleudert. Heute ist die Platte weniger auffällig, das Ergebnis ähnlich. Das Heck des Fahrzeugs bricht aus und das Auto gerät ins Schleudern. Hier ist also schnelle Reaktion notwendig, ein Tipp: Bremsen hilft.
Das ist auch ein wesentlicher Unterschied zu den Trainings in den 80er Jahren: Heute wird gebremst. Da das ABS erst seit 2004 serienmäßig verbaut ist, verhielten sich Autos früher anders, bzw. die Reaktion der Lenkenden musste eine andere sein. Denn ohne ABS war Bremsen beim Schleudern keine gute Idee. Und hier zeigt sich, wie sinnvoll diese Assistenzsysteme sind, die uns mittlerweile unterstützen.
Auch die Übung zum ESP (Elektronisches Stabilitätsprogramm) ist spannend. Während die Reifen ohne ESP durchdrehen und das Auto sich nicht vom Fleck bewegt, sorgt das ESP dafür, die Herausforderung ohne größere Schwierigkeiten zu bewältigen.
Assistenzsysteme im Fokus
Die technische Weiterentwicklung der Autos sorgt für eine ständige Anpassung der Trainings. Ebenso wie der Fokus auf Sicherheit in den Fahrzeugen Einzug hielt, war es auch ein "Kernziel der Fahrtechnik, die Verkehrssicherheit zu erhöhen", erzählt Fahrtechnik-Chefinstruktor Roland Frisch und erklärt, was sich über die Jahre geändert hat: "In den Anfängen ging es vor allem um die driving skills der Fahrer. Die Autos verfügten damals quasi über null Technik."
Beim Training lernen die Teilnehmer:innen ihr Fahrzeug viel besser kennen.
Roland Frisch, Chefinstruktor Pkw der ÖAMTC Fahrtechnik
Heute gibt es laut Frisch beim Training weit mehr zu erleben: "Die Menschen lernen ihre Fahrzeuge sowie einen Teil ihrer Systeme besser kennen." Roland Frisch: "Es ist wichtig zu wissen, was die Systeme können und was nicht. Dienen sie der Sicherheit oder dem Komfort, sind sie aktiv oder passiv? Letztere warnen nur, während aktiv bedeutet, dass direkt in die Fahrdynamik eingegriffen wird, das System korrigiert beschleunigt, bremst oder lenkt."
Nicht wegschalten
Wie diese Assistenten arbeiten, merken die Teilnehmenden beim Pkw Intensiv Training, wenn das ESP abgeschaltet wird und sich das Auto anders verhält. Oder wie es sich anfühlt, wenn ein Auto selbstständig bremst. Nach meinem achtstündigen Training folgt die Heimfahrt mit neuem Verständnis für Auto und das eigene Fahrkönnen. Die zentrale Einsicht: Es wäre nicht klug, die Assistenzsysteme wegzuschalten.
ÖAMTC Fahrtechnik: Vielfältiges Angebot
Egal ob Anfänger oder Fahrprofi, Auto oder Bike – es gibt für jeden das ideale Training:
Führerschein-Trainings: Fahrsicherheitstraining für Pkw und Motorrad; für Motorradfahrer:innen zusätzlich Perfektionsfahrt und Aufstiegspraxis
Pkw-Trainings: für Erfahrene – Intensiv Training, Dynamik Training, Drift Training oder Racing Experience
Motorrad-Trainings: für Erfahrene – vom Aktiv Training zum Saisonstart über Enduro Training bis zum Training & Ausfahrt gibt's viele Möglichkeiten
Lkw/Bus-Trainings: Weiterbildung und Auffrischungskurse für Berufsfahrer
Alle Infos finden Sie unter: www.oeamtc.at/fahrtechnik